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Leseprobe:

Ein tödliches Geheimnis

 

August 2013

Könnte ich bloß etwas tun ... Tim blickt in Sandras angespanntes Gesicht. Ihre traurigen Augen sind dumpf. Sicher denkt Sandy an ihr altes Leben ... Nur mit Mühe kann er ein leises Aufseufzen verhindern, denn er spürt den Schmerz seiner Freundin. Sie sitzt auf einem Stuhl, während er ihr gegenüber auf dem Sofa ist. Tim streicht sich über die schweißnasse Stirn. Der Sonnenschein durchflutet hell den Innenraum und hat diesen spürbar erwärmt. In der Mitte des Tisches steht ein feucht beschlagener Wasserkrug. Diese Hitze ist kaum zu ertragen, doch Sandy hält ihre Beine angewinkelt und fest umschlungen, als würde sie frieren. Eigentlich mag er die gemüt­lichem dunkelbraune Rattan-Garnitur mit den beigen Auflagen, aber die weichen Rückenkissen können die aufgestauten Emotionen auch nicht besänftigen.

»Bestimmt bereiten David und Helen dir ein wunderschönes Fest. He, ab heute bist du achtzehn, als Österreicherin also volljährig«, versucht er sie aufzuheitern.

»In Wahrheit bin ich ein U-Boot«, entgegnet Sandra bitter. »Bloß eine Handvoll Leute weiß Bescheid, von wo ich komme und was mit meiner richtigen Familie passiert ist. Kannst du mir da verübeln, dass meine Geburtstage für mich eine einzige Qual bedeuten? Ich mache das ganze Theater nur mit, um Helen und David nicht zu enttäuschen, aber das weißt du.«

»Und jedes Jahr hoffe ich darauf, dass der Schmerz endlich in dir nachlässt.«

Bedrückt senkt Sandy den Kopf, dennoch bemerkt er die Träne, die sich aus ihrem Augenwinkel gelöst hat.

»Süße.« Tim rückt näher heran und streicht ihr eine widerspenstige Strähne hinters Ohr. Meine Sandy … Sanft zieht er sie in seine Arme, atmet ihren unvergleichlichen Duft ein, der ihn an eine Blumenwiese erinnert.

Von Anbeginn lagen sie beide auf einer Wellenlänge. Sandra war fast wie eine kleine Schwester für ihn. Als er den Führerschein hatte, holte er sie oft mit dem Wagen von ihren Pflegeeltern ab und sie zogen sich in die Gartenlaube zurück. Längst waren ihre Treffen zu einer fixen Komponente geworden. Doch im letzten Jahr hatte sich etwas zwischen ihnen verändert, es hatte sich intensiviert. Sie waren Liebende geworden.

Sandy schaut zu ihm auf. »Jetzt bin ich über fünf Jahre hier. Ein Drittel meines Lebens, und da draußen …«  Sie schüttelt unwillig den Kopf. »Noch immer bin ich keinen Schritt weiter.«

»Ohne dich wäre es langweilig, und mir würde definitiv etwas fehlen.«

 

 

Sandys Mundwinkel zucken und sollen wohl ein Lächeln andeuten, aber ihre Augen flackern wehmütig auf. »Meine Entführung ist wieder so präsent in mir. Ich träume davon, fast jede Nacht. Manchmal wirkt es, als wären es zusammengewürfelte Bruchstücke aus einem Horrorfilm. Und dann ist da Kurt … mein Onkel, wie ein Dämon …« Sie atmet hörbar durch und starrt auf den braunen Dielenboden. Tim langt nach ihrer Hand und streicht zärtlich mit seinem Daumen darüber.

»Wie konnte mein Leben so aus den Fugen geraten? Wo ist mein Bruder? Lebt er noch? Wir waren eine ganz normale Familie, dachte ich zumindest.« Sie zieht die Hand zurück. »Ich vermisse sie … sie alle … so sehr …«

»Sandy …« Seine Kehle fühlt sich ausgetrocknet an. Er greift nach dem Glas Wasser auf dem Tisch und nimmt einen großen Schluck.

Sandra beachtet ihn nicht weiter. Sie befindet sich in ihren Gedanken weit weg, in jener Zeit, in der sie entwurzelt wurde, und durchlebt die Minuten, Stunden, Tage, Wochen und Monate, die sie noch jetzt – nach Jahren – quälen.

 

*

 

Mai 2008

Sophie stand in der Küche. Sie fühlte sich rastlos. Noch immer konnte sie es nicht fassen, was ihr Mann Manfred erzählt hatte. Kurt ist wieder da, sein Bruder, ihr Peiniger … Unbehelligt war er im Institut an den Mitarbeitern vorbeigekommen und hatte Manfred dort aufgesucht. Er wusste sogar vom aufsehenerregenden Durchbruch der Formel, an der ihr Mann forschte, und die als Meilenstein in der Krebstherapie gehandelt wurde. Offensichtlich war Kurt in Amerika zu Reichtum gekommen. Sicherlich hatte er das viele Geld keineswegs mit ehrlicher Arbeit verdient. Soweit sie wusste, ging er irgendwelchen Drogengeschäften nach, und das machte ihn wohl umso unberechenbarer.

»Autsch«, fluchte Sophie, als heißes Nudelwasser hochspritzte. Rasch drehte sie Temperatur vom Herd herunter, und sah auf die Uhr. Zwei Minuten, dann müssten die Spaghetti al dente sein.

Ihre Gedanken wirbelten weiter durcheinander. Sophie kannte solche Kerle wie Kurt zur Genüge aus ihrer Zeit in England. Sie war ohne Eltern aufgewachsen und wurde von einem Heim ins nächste gereicht. Als Teenager bemerkte sie, dass sie ihren Körper gewinnbringend einsetzen konnte. Zumindest schien ihr diese Option besser, als mit Drogen zu dealen oder kriminell zu werden. Anfangs dachte sie, es wäre leicht verdientes Geld, als sie in einem Etablissement begann. Sie irrte, verkaufte nicht nur ihren Körper, sondern auch ihre Seele. Immer mehr verdammte sie dieses Leben, besonders, als sie schwanger geworden war und schließlich einen Sohn gebar. Sicherlich wäre eine Abtreibung die einfachere Variante gewesen, aber das wollte sie nicht. Um sich und den Kleinen zu ernähren, ging sie weiter ihrem Gewerbe nach. Kolleginnen, die frei hatten, kümmerten sich währenddessen um das Baby.

Als sie dort im Etablissement zum ersten Mal Manfred erblickte, fielen ihr sogleich seine traurigen Augen auf. Rasch bemerkte sie, dass es ihm nicht um Lust, Sex und Gier ging, sondern um Nähe. Jedes Wort von ihm öffnete ihr Herz umso weiter. Und als er sie fragte, ob sie mit ihm nach Österreich kommen würde, konnte sie es kaum glauben. Er machte nicht einmal einen Rückzieher, als er ihren kleinen Bengel sah, er war damals kein Jahr alt, sondern schloss den Sohn sogleich in sein Herz.

»Ist das Mittagessen schon fertig?«

Sophie zuckte erschrocken zusammen, als Manfred sie ansprach. »Mist! Bestimmt sind jetzt die Nudeln zu weich.« Sie goss die Spaghetti durch ein Sieb ab.

Manfred trat heran und kostete. »Sie schmecken hervorragend.« Als Sophie die Nudeln mit roter Fleischsoße vermengte, bemerkte er, dass ihre Hand zitterte. Er nahm ihr den Kochlöffel ab und zog sie in seine Arme.

»Du musst ihm die Formel geben, vielleicht lässt er uns dann in Ruhe«, brach es aus ihr hervor.

»Würdest du dich tatsächlich von ihm kaufen lassen?«

»Du unterschätzt ihn.«

Er schob sie etwas zurück. »Ich weiß, dass du dir Sorgen machst. Aber ich lasse es nicht zu, dass er sich noch einmal an dir vergeht.«

»Und wie willst du das verhindern? Du hast ihn selbst im Institut erlebt.«

 »Wenigstens hast du dich seinerzeit durchgerungen, ihn bei der Polizei anzuzeigen. Sie ist bereits informiert, dass er wieder im Land ist.«

»Die Polizei«, stieß sie verächtlich aus. »Sie hat ihn damals nicht gefasst, und wird es nun genauso wenig tun.«

»Trotzdem ist mir der Gedanke zutiefst zuwider, er könnte mit der Formel seinen dunklen Machenschaften nachgehen.«

»Kurt hat dir eine Million Euro geboten, glaubst du wirklich, er geht, bevor du ihm nicht das gibst, was er möchte?«

»Dennoch hoffe ich, dass er mittlerweile auf den Weg zurück in die Staaten ist.«

»Du bist naiv. Er wird wütend werden, verdammt wütend, und sich niemals damit abspeisen lassen, dass du alles zerstört hast. Außerdem denkst du, dass er am Ableben von deinem Kollegen beteiligt war. Oder hältst du es nun für möglich, dass Markus sich einen goldenen Schuss setzte?«

»Er war niemals drogenabhängig, er trank weder Alkohol noch rauchte er!«

»Siehst du! Und genau deshalb hast du alle Daten vom Rechner gelöscht und die Aufzeichnungen versteckt.«

Manfred ächzte. »Kurt wird trotzdem oder besser gesagt, gerade deswegen, niemals die Formel von mir erhalten, höchstens über meine Leiche.«

Entsetzt rückte Sophie von ihm ab.

»Sorry, das war nun ein blöder Spruch.«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, sei ehrlich zu dir selbst. Du lebst nur für die Forschung, wir als Familie kommen erst irgendwann später. Wenn du nicht zwischendurch essen oder schlafen müsstest, würdest du vierundzwanzig Stunden am Stück in deinem Institut verbringen. Ich verstehe dich sogar ein kleinwenig, denn niemand hätte erwartet, dass du als Kind deine Hodenkrebserkrankung überleben könntest. Immerhin befanden sich in deinem Körper zahllose Metastasen. Deshalb ist für dich jeder Tag und jedes Jahr ein Geschenk.«

»Nun gut, wenn du es hier für zu gefährlich hältst, solltest du mit Sandy ein paar Tage weggehen, bis wir sicher sind, dass Kurt nicht mehr hier ist. Mario befindet sich ohnehin in Graz. Ich lasse mich mit Sicherheit nicht vertreiben, schließlich bin ich kein kleines Kind mehr, das Kurt einschüchtern konnte.«

»Bildest du dir etwa ein, dass er als dein älterer Bruder auf dich Rücksicht nimmt?«

Von draußen erklang das Schließen der Haustür. Ihr Mann öffnete den Mund, um ihr zu antworten, doch Sophie wehrte ab. »Psst. Wir reden später weiter. Sandy ist da.« Entschieden drückte sie Manfred Richtung Esszimmertisch.

 

»Mm, Spaghetti!«, rief Sandy voller Begeisterung, als sie schnuppernd ins Esszimmer lief. »Mein Lieblingsessen.«

»Ich weiß.« Sophie lächelte ihrer zwölfjährigen Tochter zu. »Nimm Platz.«

»Wir haben nur mehr auf dich gewartet.« Ihr Vater Manfred legte seine Zeitung zur Seite.

»Nun bin ich ja da.«

Sophie stellte in der Mitte des Tisches auf einer Korkplatte den Topf mit Nudeln ab, aus dem sie sich bedienten. Die gemeinsamen Mahlzeiten gehörten für Sandra zu den Höhepunkten der Woche. Ihr Vater musste oft lange im Institut arbeiten, um seiner Forschertätigkeit nachzugehen, deshalb sah sie ihn sonst eher selten. Es fehlte nur ihr acht­zehnjähriger Bruder Mario, der eine weiterführende Schule in Graz besuchte. Er befand sich im letzten Ausbildungsjahr und jobbte nebenher als Kellner, um zusätzlich Geld zu verdienen. Somit hatte sich seine Zeit zu Hause drastisch reduziert. Es gab zudem einen anderen Grund dafür, der war weiblich, blond und langbeinig – ein hübsches Mädchen namens Petra. Erst vorgestern entdeckte sie ein Foto von seiner Flamme als Hintergrundbild auf dem Handy. Mario verdonnerte sie gegenüber den Eltern zum Schweigen. Sandy hatte trotzdem bemerkt, dass Mario absolut in das Mädchen verschossen war, denn seine Augen bekamen einen besonderen Glanz, den sie noch nie bei ihm gesehen hatte. Sandy lächelte. Sie würde sicher nicht ausplaudern, dass ihr großer Bruder bis über beide Ohren verliebt war, auch wenn es ihr schwerfiel.

»Im Turnunterricht am Mittwoch bin ich von allen am weitesten gesprungen.« Erwartungsvoll sah Sandy ihren Vater an.

»Aha«, brummte er gedankenverloren.

»Hallo, Erde an Vater. Du hörst mir ja gar nicht zu!« Trotzig schob sie die Unterlippe nach vorne.

»Dein Vater hat zurzeit sehr viel um die Ohren. Also, sei ihm bitte nicht böse«, griff ihre Mutter besänftigend ein.

»Ich muss in der Schule auch jede Menge lernen«, meinte Sandra verstimmt.

Nun suchte Manfred den Blick seiner Tochter. »Entschuldige, mein Kleines. Ich bin sehr stolz auf dich, auch wenn ich es nicht immer zeige.«

»Schon gut.« Sandy klang versöhnter, und aß etwas von ihren Nudeln.

Manfred nickte seiner Tochter dankend zu und strich sanft über ihr braunes kurzes Haar.

Das hat Paps schon lange nicht mehr gemacht. Sandy schluckte irritiert. »Warum bist du so traurig?«

»Mach dir keine Sorgen.«

»Also stimmt etwas nicht?«

Sophie und Manfred wechselten untereinander Blicke aus, die Sandy kannte, wenn sie sich etwas zuschulden kommen lassen hatte. Doch im Moment war ihr Gewissen diesbezüglich rein.

»Was ist los? Jetzt sag schon!«, beharrte sie dickköpfig.

Die Eltern schwiegen nach wie vor.

»Ich bin kein kleines Kind mehr. Und wenn es wichtig ist, dann sollte ich wohl Bescheid wissen!«

Manfred legte schließlich sein Besteck zur Seite, Sophie seufzte und tat es ihrem Mann gleich. Ihr Vater räusperte sich. »Nun gut, über gewisse Dinge solltest du tatsächlich Bescheid wissen. Aber du darfst es niemandem erzählen. Und wenn ich niemandem sage, dann meine ich niemandem!« Seine Stimme klang ein wenig schärfer als beabsichtigt.

»Ein Geheimnis für mich allein?!« Sandy rutschte aufgeregt auf ihrem Stuhl hin und her.

»Höre deinem Vater bitte genau zu!«, mahnte Sophie.

Augenblicklich saß Sandy still. Sie griff an die goldene Kreuzkette, die um den Hals baumelte und ein Erbstück ihrer Ur-Großmutter war. Warum wirkte Mutter so angespannt? Unbehagen breitete sich in Sandy aus. Fröstelnd rieb sie sich die Unterarme.

»Dein Onkel Kurt ist hier. Er hat mich im Institut aufgesucht, und es gab Streit«, erklärte ihr Vater missmutig.

»Onkel Kurt?«, wiederholte Sandra, »den kenne ich nur von einem Foto. Wohnt er nicht in Amerika?«

»So ist es.« Manfred stöhnte verhalten. »Kurt hat in Erfahrung gebracht, dass wir eine Formel für eine Droge entdeckt haben. Du weißt, was eine Droge ist?«

Sandy nickte. »Natürlich! Wir hatten letztens ein Referat über das Suchtverhalten und die zer­störerischen Auswirkungen. Aber warum entwickelst du Drogen?«

Eine tiefe Falte bildete sich auf Manfreds Stirn. »Das war nicht beabsichtigt. Es ist kein Geheimnis, dass das Flavonoid Wogonin unterstützend in der Krebstherapie eingesetzt wird. Es entstammt aus dem Helmkraut. Ich habe eine Zusammensetzung gefunden, die für Krebskranke zum Heilmittel werden könnte, da ich die positive Wirkung der Pflanze vervielfachen konnte. Die Versuchsreihen an Mäusen und Ratten sind sehr vielversprechend. Vor allem wäre dieses Mittel auch bei Kindern oder Schwangeren einsetzbar.«

»Das klingt doch gut.«

»Ja«, bemerkte Manfred trübselig, »die Dosis gehört allerdings abgestimmt, auf Alter, Größe und Gewicht. In der Therapie wird die Lösung gespritzt, damit sie ihre volle Wirkkraft entfalten kann. Diese reichert sich in der Blutbahn und schließlich im Tumor an, der geschädigt wird und zerfällt. Zweckentfremdet stellt es eine Gefahr da. Schon jetzt wird dem Helmkraut eine ähnliche Wirkweise wie dem Marihuana nachgesagt. Und was passiert, wenn es mit anderen Pflanzenextrakten wie dem Aztekensalbei kombiniert wird, daran möchte ich gar nicht denken.«

»Sind dadurch die Nebenwirkungen heftiger?«, hakte Sandra interessiert nach.

»So ist es. Man schlittert leichter in eine Abhängigkeit. Die konzentrierte Form des Mittels löst bei weitem rascher und intensiver einen Drogenrausch aus. Schon manch einer ist gestorben, weil er dachte, er könne fliegen. Aber es geht nicht nur um die psychischen Veränderungen wie Wahnvorstellungen und Halluzinationen, sondern der Körperkreislauf kann zusammenbrechen. Durch Fieber und Dehydration, ich meine Austrocknung, ist die Gefahr von Herzrhythmusstörungen besonders hoch, und die verlaufen mitunter tödlich. Daran denkt natürlich keiner. Das Schlimmste ist allerdings, dass die Sucht einem vorgegaukelt, ohne das Mittel nicht mehr leben zu können. Dafür machen die Menschen alles, verkaufen sich, die eigene Familie, Freunde …«

In der Schule hatten sie die Folgen einer Abhängigkeit näher erörtert, aber es von ihrem Vater zu hören, mit diesem Vibrieren in der Stimme, war etwas ganz anderes. »Du … du sprichst doch von einem Medikament und nicht der Pflanze? Muss das nicht ein Arzt verschreiben?«

Manfred lächelte bitter. »Noch ist es nicht zugelassen. Vielleicht gab es einen Insider-Tipp … Zumindest ist irgendwie die Drogenmafia darauf aufmerksam geworden.«

»Du meinst Onkel Kurt, oder?«, kombinierte Sandra, obwohl es in ihrem Kopf von den ganzen Informationen nur so surrte.

Ihr Vater nickte.

»Wie kann er davon wissen?«

»Er ist böse.«

»Böse?«, echote Sandy verständnislos. Statt einer Erklärung registrierte sie, wie ihre Mutter die Lippen zu einem dünnen Strich zusammenpresste, während ihre Augen verräterisch nass glänzten. Schimmerte darin Angst? Erst jetzt fiel ihr auf, wie blass sie war.

Manfred sprach hastig weiter. »Im Wald ist der neue Hochsitz, unweit von der Höhle entfernt. Wir sind erst vor einem Monat daran vorbeigegangen.«

»Ja. Ich weiß, welchen du meinst, du hast Herrn Schmied beim Bau geholfen.«

»Stimmt. Die linke Seitenwand ist doppelt eingezogen, dahinter ist also ein Hohlraum, und in einer blauen Folie sind meine Aufzeichnungen versteckt. Falls deiner Mutter oder mir etwas passieren sollte, so bitte ich dich, diese zur Adresse zu bringen, die auf dem Umschlag steht. Du darfst es niemals Kurt oder einen seiner Angestellten erzählen.«

»Wovon redest du da? Du hast gesagt, dass ich mir keine Sorgen machen soll!« Ihre Stimme überschlug sich. »Und was ist mit Mario? Kann nicht er das machen? Weiß er davon?«

»He, Kleines. Das ist für den Notfall gedacht. Deine Mutter möchte mit dir ohnehin für ein paar Tage wegfahren, bis sich wieder alles beruhigt hat.« Ihr Vater versuchte, sie aufmunternd anzulächeln. Dies gelang ihm nicht so recht, sondern wirkte verzogen und grimassenhaft. »Wenn Mario hier ist, weihen wir ihn ein, solange bleibt es dein Geheimnis.«

Sandra starrte unglücklich auf ihren halbgefüllten Teller Spaghetti. Lustlos stocherte sie in ihrem mittlerweile kaltgewordenen Lieblingsessen herum. Sie registrierte die roten Soßen­spritzer am Tellerrand. »Was ist eigentlich mit den Kollegen in deiner Forschungsabteilung? Die könnten sicher mehr mit diesen Informationen anfangen ...«

Manfred sprach mit brüchiger Stimme. »Markus starb vor knapp zwei Wochen an einer Über­dosis. Nicht am neuen Mittel, falls du dich das fragst. Und ich bin mir sicher, dass jemand nachgeholfen hat.«

Sandys Augen weiteten sich entsetzt. »Oh.« Bin ich in einem Krimi? Gibt es zwischen Markus, den Drogen und dem Auftauchen von Kurt einen Zusammenhang? Bestimmt war das alles kein Zufall ... Sandy zwickte sich selbst in den Unterarm. Der Schmerz bewies ihr, dass sie im Hier und Jetzt war, und sich nicht in einem verrückten Traum befand. Sie scheute sich davor, ihre Fragen laut auszusprechen, da ihre Eltern verdammt unglücklich wirkten. Zum letzten Mal erlebte sie die beiden derart betrübt, als Ur-Großmutter Anneliese vor zwei Jahren starb, die ihren Lebensabend in einer Pflegeeinrichtung verbracht hatte. Jeden Sonntag nach dem Gottesdienst besuchten sie die alte Dame. Sandy war von den blauen Augen fasziniert, die bis zum Schluss voller Lebendigkeit aus dem Gesicht strahlten. Sowohl Manfreds als auch Sophies Eltern lebten schon lange nicht mehr. Deshalb war Ur-Großmutter Anneliese ein besonderer Teil ihrer Familie. Sandy konnte sich an die eine oder andere Geschichte erinnern, die ihre Oma gerne erzählte. In den Monaten vor ihrem Tod wurde sie merklich schwächer und schlief viel. Deshalb besuchte Sandra sie weniger, sondern bettelte, sich in der Zwischenzeit mit ihren Freundinnen treffen zu können. Und auf einmal war Ur-Großmutter Anneliese nicht mehr da … Ihr gruselte es, als sie daran dachte, wie der Eichensarg in die Erde hinabgelassen wurde.

Die Stille war bedrückend. Sandra schaute auf. »Mama, Papa – ich hab euch lieb.«

»Ach mein Schatz.« Ihre Mutter schloss sie spontan in die Arme. »Wir lieben dich.«

Auch Manfred erhob sich von seinem Platz und umarmte seine beiden Frauen. Sie hielten einander ganz fest.

 

Plötzlich pochte es laut an der Tür, und jemand rüttelte daran. Sie war verschlossen.

»Manfred, mach auf!«, rief eine männliche Stimme mit einem amerikanischen Akzent. »Ich weiß, dass du hier bist!«

Die drei fuhren auseinander. Sandy entdeckte in den Gesichtern ihrer Eltern Panik.

»Oh mein Gott!«, stieß Sophie aus und sah sich um. »Du musst dich verstecken!« Sie schob kurzerhand ihre Tochter vorwärts.

»Psst«, zischte Manfred, »hier rein.«

Ihr Vater hielt den Deckel einer Holztruhe auf, die sich im Vorraum befand, in die seine Tochter hineinkletterte. Mahnend schaute er sie an. »Sei bitte ganz still, egal was passiert«, sprach er beschwörend, »egal was passiert!«

Sandy zitterte, dennoch brachte sie ein Nicken zustande. Der Deckel senkte sich und tauchte ihre Umgebung in Dunkelheit. Eingepfercht in der Kiste dröhnte der verängstigte Herzschlag in ihren Ohren. Sie konnte kaum atmen und unweigerlich dachte sie an Ur-Omas Sarg. Hilfe … Hilfe … nicht auffallen … ruhig sein … Sandra kauerte sich so klein wie möglich zusammen, und lauschte.

 

»Na gut«, erklang es, »wenn du nicht aufmachst, dann komme ich eben so rein!« Fast im selben Moment krachte es, das Schloss zerbarst unter der Wucht einer abgefeuerten Kugel. Die Tür schwang auf.

»Ja, wen haben wir denn da?« Ein Mann trat in die Diele.

Manfred kannte sein Gegenüber. Optisch ähnelten sie sich mehr, als ihm lieb war: Mit einem Meter siebzig eher klein geraten, schmächtig, mit schmalen Schultern. Aber man sollte sich von der Optik nicht täuschen lassen. »Kurt«, sprach er angespannt. »Mit Begleitung.«

Neben seinem Bruder standen zwei Kerle mit muskelbepackten Armen und ganz in schwarz gekleidet. Die Gesichter lagen verborgen hinter Masken, die Sehschlitze aufwiesen. Kurt machte eine kleine Handbewegung. Manfred spürte, wie hinter ihm Sophie zusammenzuckte. Die beiden Lakaien hielten sich nicht mit ihnen auf, sondern durchsuchten zunächst die angrenzenden Räume. Hörbar gingen dabei etliche Dinge zu Bruch, Türen würden gewaltsam aufgebrochen.

»Mein kleiner Bruder, ein fantastischer Forscher … Nach meinem Besuch am Vormittag hätte ich fast erwartet, du würdest dich aus dem Staub machen. Heißt das, du gehst auf mein Angebot ein?« Kurts Lächeln war keineswegs freundschaftlich. »Wahrscheinlich bist du auch längst der Almosen überdrüssig, und vor allem dieser bescheidenen Hütte.«

»Du irrst dich, ich bin hier, um mich dir entgegenzustellen. Ich lasse mich nicht von dir einschüchtern.«

»Heute habe ich allerdings Verstärkung mitgebracht. Komm, gib dir einen Ruck. Mein Geschäft ist durchaus lukrativer. Eine Million Euro und ich erhalte im Gegenzug die Formel.«

Angewidert beobachtete Manfred, wie sich Kurt über den teuren Anzug strich. Er war sicher maßgefertigt. Kein Geld der Welt würde ihn reizen, jemals zu solch einem Abschaum zu werden. Außerdem wusste er, dass sein Bruder niemals beabsichtigen würde, diese Summe lockerzumachen. »Du kennst meine Antwort und sie lautet: Nein!«

Kurts Grinsen gefror auf seinem Gesicht. »Jeder, der nicht für mich ist, ist gegen mich. Du weißt, was das für dich und deine Familie bedeutet?«

Die maskierten Männer kamen zurück. »Leer«, stellte einer der beiden Lakaien fest.

»Leer?« Argwöhnisch zog Kurt eine Augenbraue hoch. »Ist Sandra heute nicht zu Hause?«

»Nein. Sie übernachtet bei einer Freundin«, erwiderte Manfred und versuchte, das Beben seiner Stimme zu unterdrücken.

»Schade, so gerne hätte ich mein eigen Fleisch und Blut gesehen.« Kurt zog eine Zigarre aus der Innentasche seines schwarzen Jacketts. Ihm entging nicht der gehetzte Blick, den Sophie ihrem Mann zuwarf. War Sandy doch im Haus? Versteckt?« Er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, entzündete seine Brasil und paffte ein paar Rauchwolken in die Luft, die langsam emporstiegen und sich im gesamten Raum mit einem süßlich-würzigen Aroma ausbreiteten.

»Hast du nicht schon genug Kummer über uns gebracht?«, stieß Sophie entrüstet aus. Sie lief in den angrenzenden Essraum. Manfred folgte seiner Frau, zog sie kurz an sich und suchte ihren Blick. Darin las er eine tiefe Angst, die ihn wie ein Pfeil schmerzhaft durchbohrte. Er hätte sie beschützen sollen. Warum hatte er nicht daran gedacht, nachdem Kurt im Institut aufgetaucht war, zumindest seine Familie in Sicherheit zu bringen? Sophie hatte recht, er unterschätzte seinen Bruder – immer wieder, und er lernte nicht daraus, das war viel schlimmer.

Kurt trat heran. Er langte unter das Kinn seiner Schwägerin, damit sie ihn ansah und hauchte ihr mitten ins Gesicht. Sophie hustete, als der beißende Rauch in ihre Kehle gelangte. Wimmernd drehte sie sich von ihm weg und schloss verzweifelt die Augen. Kurt zwickte Sophie grob in die Wange. »Manfred ist kein richtiger Mann. Ständig sind ihm all die Zahlen wichtiger als die fleischlichen Freuden. Dabei gab es sicher einmal Zeiten, da war er diesen nicht abgeneigt. Ich weiß, von wo hat er dich geholt! Aus einem netten, freizügigen Etablissement in England, ge­funden auf einer seiner Forschungsreisen? Und als Anhängsel gab es ein Kind.«

»Hör auf«, flehte sie.

»Ich finde deinen unüberhörbaren Akzent süß. Weißt du noch damals, als ich es dir richtig besorgt habe? Ich erinnere mich gerne daran zurück, fand dich ganz alleine im Haus vor, gerade frisch aus der Badewanne gestiegen, so ahnungslos … Zuerst dachtest du, ich wäre Manfred …«

»Lass sie ihn Ruhe!« Unwirsch stieß Manfred seinen Bruder weg. Ein paar Momente später befand er sich in den Händen der beiden Lakaien, und es war ihm unmöglich, sich loszureißen. Höhnisch lachte Kurt auf. Selbstgefällig trat er an ihn heran, versetzte ihm einen kräftigen Schlag in die Magengegend, und traf präzise den Solar Plexus. Manfred blieb die Luft weg, er sackte zusammen.

Sophie fiel neben ihrem Mann auf die Knie. »Manfred«, wisperte sie ängstlich.

»Keine Sorge, meine Liebe. Du bekommst auch noch, was dir zusteht«, warf Kurt ein.

Sophies Hände zitterten, ein Schluchzer entfloh ihrer Kehle. Sie wich zurück.

»Nun Bruderherz, wo ist die Formel?«

Manfred kauerte am Boden und erholte sich langsam vom gezielten Hieb. Abwehrend schüttelte er den Kopf.

»Ich will die Formel!« Kurts kühle, graue Augen musterten ihn scheinbar bis in die letzte Pore.

Manfred sah schwer atmend zu Kurt hoch. Wie konnten sie derart einander ähneln, dennoch im Wesen grundverschieden sein? »Ich hab sie … zerstört, am selben Tag als Markus starb. Du hättest dir etwas Besseres als eine Überdosis einfallen lassen sollen, vielleicht einen Autounfall ... darin hast du doch mehr Übung, zumindest in Österreich.«

»Längst nicht genug! Du hättest damals mit im Wagen sitzen sollen, nicht nur unsere Eltern.«

Manfred schaute seinen Bruder entrüstet an. »Monster!«

Kurt riss ihn an den Haaren hoch.

Sophie schrie auf. Ein Lakai schlug ihr heftig ins Gesicht und brachte sie zum Schweigen. Sie prallte besinnungslos auf den grünen Fliesenboden.

»Sophie!«, rief Manfred entsetzt. Er wollte zu ihr, wurde aber vom zweiten Kerl zurück­gehalten.

»Was findet sie bloß an dir?« Kurt verzog den Mund.

»Das wirst du nie verstehen.«

»Das will ich auch nicht. Glaub mir, Familie spült einen nur weich. Darauf kann ich verzichten. Dein Freund Markus wollte ebenfalls das große Geld. Er hat nicht bedacht, dass ich nicht teile. Mit niemandem.« Kurt lachte laut auf. Sein Lachen berührte weder das Herz noch erreichte es die Augen. »Also, nun spiel keine Spielchen. Ich kenne dich! Niemals, mein edler Samariter, würdest du so eine Entdeckung der Menschheit vorenthalten. Außerdem warst du nie ein guter Lügner.« Sein Gesicht wurde verschlossen und unnahbar. »Ich bin mir sicher, dass du die Formel versteckt hast, Sandy natürlich auch. Die Frage ist, wo sich die beiden Dinge befinden, die ich so gerne haben möchte

Sophie japste. »Bitte, verschone das Mädchen … bitte …« Sie wimmerte.

Manfred biss sich auf die Lippen. Abschätzend betrachteten die Brüder einander.

»Sieh dir dein Weib an. Willst du, dass sie länger leidet? Ist das dein Beweis von Liebe?«, höhnte Kurt.

»Du hast keine Ahnung davon, was Liebe bedeutet«, entgegnete Manfred.

»Deine Liebe hat dich dumm gemacht und schwach. Wie fühlt es sich an, zu wissen, dass du weder von Mario noch von Sandy der Vater bist?«

»Sophie hat mich zum glücklichsten Mann gemacht.«

»Sie hat nur dein Geld gesehen. Du bist bloß ein unfruchtbarer Waschlappen! Sag, wie lebt es sich mit einem leeren Sack zwischen den Beinen?«

In Manfreds Gesicht zuckte ein Muskel. »Darüber hast du dich schon in der Schule köstlich amüsiert, und jedem erzählt, dass ich ein Eunuch wäre.«

»Meine Stichelei hat dich erst zur Forschertätigkeit getrieben, sodass du daraus eine wahre Affinität entwickeln konntest. Der große Manfred Berger überlebte knapp seine Krebserkrankung, und durch seine herausragende Leistung wird er nun zum Heiler für Abertausende von Menschen. Bruder, mir kommt das Kotzen.«

»Ich wusste gar nicht, dass der Artikel in Kanada erschienen ist.«

Kurt prustete los. »Überschätz dich nicht, dein Freund Markus war so nett, ihn mir zu­kommen zu lassen.«

»Markus, niemals! Das glaube ich nicht!«

»Bist du dir so sicher?«

Manfred ließ den Kopf hängen. Markus? Er hatte ihm vertraut. War es möglich, dass er tatsächlich …? Er wollte den Gedanken nicht weiterverfolgen. Und ob Markus nun daran beteiligt war oder nicht, hatte mittlerweile keine Relevanz. Am besten wäre es gewesen, wenn niemand außer ihm Details seiner Forschung gekannt hätte. Dann würde sein Kollege noch leben und er vielleicht nicht dem Tod ins Auge blicken. Niemals hätte ich Forscher werden sollen … Kaum wahrnehmbar schüttelte Manfred den Kopf.  Ein absurder Gedanke. Ich will Leben retten!, bestärkte er sich. Nun lag es an ihm, seinem Bruder nicht die Formel auf einem Präsentierteller zu servieren. Denn niemals könnte er es verantworten, dass Menschen durch seine Schuld ihre Existenz aufs Spiel setzen, süchtig oder schlimmer, womöglich sterben würden …

 

Sophie rappelte sich hoch. Das Zittern konnte sie nicht unterdrücken, es hatte längst den gesamten Körper ergriffen. Sie lehnte an der Kommode, spürte im Rücken die Lade, in der die Messer lagerten. Keinesfalls würde sie kampflos sterben oder sich stundenlang quälen lassen … Die maskierten Männer hielten ihre Waffen schussbereit. Einer zielte auf sie und der andere auf ihren Mann. Sie erinnerte sich an die schier endlosen Stunden, als Kurt sich ihrer bemächtigte. Seine kalten, durchdringenden Augen hatte sie nie vergessen. Wenn Manfred nicht gewesen wäre, würde sie nicht mehr leben, sondern hätte sich selbst ins Jenseits befördert, um all die Schmach zu vergessen. Er war es, der sie rechtzeitig entdeckte, seinen Finger tief in ihren Rachen steckte, und sie den Großteil der geschluckten Tabletten erbrach.

Anfangs hatte sie ihn dafür gehasst, doch als ihr kleiner Sohn sie mit tränennassem Gesicht am Krankenbett besuchte, wusste Sophie, dass sie sich nicht heimlich aus dieser Welt stehlen durfte. Seitdem hatten Manfred und sie viele, schöne Jahre miteinander verbracht – nach außen hin – denn im Hintergrund lauerte die Gefahr, schwelte in ihr wie ein Geschwür, und in Wahrheit hatte sie nur darauf gewartet, dass Kurt wiederkommen würde. Nichtsdestotrotz war Mario ein junger Mann sowie Sandra ein bildhübsches Mädchen geworden. Manchmal erinnerten Sandys Augen an Kurt. Ihre waren allerdings nicht kühl und berechnend, sondern wissbegierig und voller Lebenslust.

Sophie schaute zum Lakai, der gerade die anderen Männer beobachtete. Jetzt! Ihre Finger tasteten nach der Lade. Mit der Klinge voraus stürzte sie auf den Kerl. Sie traf ihn am Oberarm. Mit einer raschen Bewegung entwendete er ihr das Messer. Blut tropfte von ihm herab. »Schlampe!«

»Was tust du?« Manfred kämpfte gegen seinen Peiniger.

»Sag ihm kein Wort … kein Wort … Ich liebe dich, Manfred … ich liebe dich …« Sie trat dem Lakaien zwischen die Beine, und versuchte, sich loszureißen. Der Kerl gab sie abrupt frei, sodass Sophie stolperte. »Um Gottes Willen …«, kreischte sie, als eine Hand ihren Knöchel erfasste und sie grob zurückzog. Schon legte sich von hinten eine große Pranke auf ihre Stirn und drückte den Kopf an seinen breiten Brustkorb, und der Stahl durchtrennte ihre Haut. Der Schmerz war ein kurzes Aufflackern im Gehirn, ehe sie leblos mit einem gurgelnden Laut zu Boden prallte. Ein metallischer Ton erklang, und das Medaillon, das auf einer Kette um ihren Hals hing, kullerte zur Seite.

»Bist du verrückt, mein schönes Druckmittel!« Aufgebracht warf Kurt seine Zigarre achtlos auf den Boden.

»Sophie! Sophie!« Manfred riss sich los, er stürzte zu ihr hin. Hilflos hob er Sophies Kopf empor. Ihr Blick ging starr nach oben. Obwohl er ihre Wärme fühlte, war kein Leben mehr in ihr. Seine Hände wurden vom Blut besudelt, das unaufhörlich aus der Wunde schoss. Ihre Kehle und die Halsschlagader waren durchtrennt. Ungläubig starrte er sekundenlang die rote Flüssigkeit an, die sich um ihn herum ausbreitete. Jäh fuhr er empor und stürzte sich auf Kurt. »Mörder!«

Manfred war kein ausgebildeter Kämpfer, sondern ein Forscher. Mühelos nahm der maskierte Kerl ihn wieder in seine Gewalt. Seine Beine sackten unter ihm weg, er kniete auf dem Boden, starrte auf seine tote Frau, während er an den Armen gehalten wurde.

»Eigentlich wollte ich etwas länger mit Sophie spielen. Dennoch, allein für ihre Anzeige bei der Polizei hat sie den Tod verdient. Dann werden wir diese Farce hier besser abkürzen, es fängt nämlich an zu nerven. Ich gebe dir eine letzte Chance, wenn du mir die Formel verrätst, verzichte ich vielleicht auf Sandy.« Kurt grinste. »Das ist doch fair, oder?«

»Sandy ist nicht hier, und die Formel ist zerstört

Kurt packte seinen Bruder an dessen Hemdkragen. »Glaub mir«, zischte er bedrohlich, »dein Widerstand mag dir im Moment edel vorkommen, aber Gott sei Dank kenne ich Alternativen, die mich für dein absurdes Schweigen entschädigen werden!«

»Alternativen, welche Alternativen?«, flüsterte Manfred rau.

»Deine Tochter, ähm … ich meine natürlich, meine Tochter, zum Beispiel.«

»Die ist nicht da!«

»Hast du eine Ahnung, wie viel Geld gewisse Männer mir für eine kleine Jungfrau bieten?«

Manfred biss sich auf die Unterlippe. Bald schmeckte er sein eigenes Blut auf der Zunge. »Du willst Sandy meistbietend verkaufen? Darum geht es dir? Du bist krank!«

»Du kannst also damit leben oder sollte ich sagen, mit dem Gewissen sterben, dass du mit deiner Forschung deine Familie ins Verderben gestürzt hast?«

Manfreds Blick flackerte wehmütig. Sophie lag mit gespenstisch fahlem Gesicht auf dem Boden. Die Blutlache um sie herum war größer geworden und fing an zu stocken. »In Wahrheit bist du ein viel zu großer Hosenscheißer, um mich eigenhändig umzubringen, da tief in dir die Gewissheit steckt, dass wir Brüder sind.«

Kurt holte aus und schlug Manfred hart ins Gesicht. »Deine Predigt wird dir nicht mehr helfen und glaub mir, ich werde höchstpersönlich dafür sorgen, dass die süße Sandy die richtigen Lektionen lernt. Verlass … dich … drauf! Sie soll auf dieselbe Weise leiden, wie ich als Kind gelitten habe. Und weißt du wieso? Weil ich dich hasse! Du warst stets der gut behütete, kleine Prinz. Sobald du den Mund aufgemacht hast, hat sich alles um dich gedreht. Statt dich ausgiebig zu quälen, gefällt mir der Gedanke, dass Sandy bald in meiner Gewalt ist, bedeutend besser. Und ich weiß, dass dich das mehr peinigen wird, als wenn ich mich nur um dich kümmern würde.«

»Sie kann nichts dafür, sie ist unschuldig ...«

»So unschuldig, wie ich einst war!« Kurt stieß ihn weg, und strich seine Jacke glatt.

»In Ordnung, ich gebe dir die Formel, alles, bloß nicht das Mädchen!«

Kurt blickte auf seine Uhr. »Deine Zeit ist abgelaufen. Ich habe kein Interesse mehr daran.«

»Sie ist gar nicht weit von hier entfernt, ein paar hundert Meter ...«

»Du willst mich nur aus dem Haus locken, damit das Mädchen fliehen kann. Glaub mir, egal welches Angebot du nun in deinen letzten Lebensminuten von dir gibst, kann mich nicht mehr umstimmen.«

»Du vergisst, wie viel du damit verdienen könntest! Ob als Arznei oder für ... für deine Drogengeschäfte. Alles, was neu ist, verkauft sich fast von selbst.«

Kurt lachte. »Geld habe ich mehr, als ich in zwanzig Leben ausgeben könnte. Obwohl, vielleicht tröstet es dich, dass ich dir anfangs wirklich bloß eines auswischen wollte. Aber hier, in diesem Haus, trudeln so viele Erinnerungen auf mich ein.«

»Du lehnst es ab, um mich weiter zu quälen!«

»Erfasst Bruder, endlich hast du es erfasst!«

Verächtlich starrten sie einander an. Sie waren Feinde. Manfred spürte Kurts Atem, der ihm heiß ins Gesicht wehte. Er wich nicht zurück. Obwohl sein gesamter Körper schmerzte, versuchte er, sich gerade aufzurichten. Manfred wusste, dass es kein Erbarmen gab. Er konnte nur darauf hoffen, dass sie Sandy nicht fanden. Er liebte das Mädchen wie sein eigenes Kind. Allerdings war Kurts Jagdinstinkt geweckt, das verhieß nichts Gutes. Und sein Bruder hatte recht, allein daran zu denken, quälte ihn mehr, als er jemals in Worte hätte fassen können.

»Gib mir das Messer!«, wies Kurt den verletzten Lakaien an, der mittlerweile einen Stoffstreifen aus seinem schwarzen T-Shirt herausgeschnitten und über die blutende Wunde geschlungen hatte.

Kurt umklammerte hart den Griff und setzte die Klinge an Manfreds Hals. »Übrigens, niemand nennt mich ungestraft einen Hosenscheißer!« Er ritzte die Haut auf, sogleich floss Blut aus der kleinen Wunde.

Manfred hielt still, obwohl die Klinge scharf in sein Fleisch schnitt. »Du wirst für alles büßen, dessen bin ich mir sicher.«

»Denkst du, ich hätte mich ganz nach oben gearbeitet, wenn es in meinem Leben Skrupel gäbe?« Kurt lachte freudlos. »Ich bin vielleicht etwas aus der Übung. Wenn es etwas zu sagen gibt, dann sag es jetzt oder schweige für immer.«

»Weißt du, was ich wirklich bereue? Dir als Kind das Leben gerettet zu haben. Damals hätte ich dich in der eingestürzten Höhle verrotten lassen sollen. Bruder.«

Kurt stach zu. Manfred rang nach Luft, Angst überflutete ihn. Instinktiv wollte er mit den Händen nach oben fassen, aber er wurde eisern festgehalten. Noch lebte er, und spürte den Schmerz, der durch seinen Körper raste.

Sein Bruder war blass zurückgetreten, er hielt kein Messer in der Hand, also steckte es in seinem Hals. Unaufhörlich näherte sich die Schwärze. »Hosenscheißer«, presste Manfred mit einem letzten Atemstoß aus.

 

Der Komplize erledigte den Rest. Mit einer gezielten Bewegung brach er Manfreds Genick. Der Körper fiel nach vorne, und zuckte ein paar Mal unkontrolliert.

»Sichert die Ausgänge!«, rief Kurt wütend. Er brauchte einen Augenblick alleine. Die maskierten Männer folgten sogleich seiner Anweisung. Tief atmete er durch, als seine Lakaien den Raum verlassen hatten.

»Warum hast du es dir bloß so schwergemacht?« Kurt kniete neben seinen Bruder und strich das aschblonde Haar zurück, das dieselbe Farbe wie seines hatte. »Ja, du hättest mich verrotten lassen sollen. Dann wäre ich Vater und all meinen beschissenen Erinnerungen entflohen. Du hattest keine Ahnung, nicht wahr? Mutter schon. Nacht für Nacht kam der pädophile Arschficker in mein Bett gekrochen und steckte sein Ding in mich rein. Bei dir hat er sich nie getraut, du warst ja so arm und krank. Mamas Prinz …« Kurt seufzte verstimmt. Er entdeckte auf dem Boden seine Brasil. Er hob die Zigarre hoch, befand sie für gut und entzündete sie neu mit einem Streichholz. Er inhalierte den Rauch und versuchte, seine aufkeimenden Emotionen zu vertreiben. Das Leben hatte ihn gelehrt, dass Gefühle einen schwach werden lassen. Niemals hätte er es sonst geschafft, sich als Mister Night einen Namen zu verschaffen. Er – Kurt – aus einem kleinen Nest mitten im Herzen Österreichs. Nun war er kein Niemand mehr, sondern wurde geachtet. Hart hatte er dafür gekämpft, und das würde auch in Zukunft so bleiben.

Kurt verließ den Essraum. Er verschaffte sich einen Überblick der Räumlichkeiten. Seine Männer hatten Zimmer für Zimmer durchforstet, Matratzen aufgeschlitzt und die Wäsche aus den Schubladen befördert. Abfalleimer waren übergedreht, Blumentöpfe zerborsten, Vasen zerschmettert, Bücher lagen verstreut vor den Regalen. Er trat achtlos auf Blüten, Blätter und Erde. Kurt kontrollierte jeden einzelnen Schrank.

»Formel und Mädchen unauffindbar, ich hätte schwören können …« Wütend warf er eine Keramikfigur, die er sich nicht genauer besah, auf den Fußboden. Missmutig ging Kurt in den Vorraum. Da fiel sein Blick auf eine Holztruhe, die mit Kleidungsstücken zum Teil verdeckt war. Hat darin noch niemand nachgesehen? Er eilte darauf zu.

 

Sandra kauerte in ihrem Versteck. Geschockt, verwirrt … ihre Faust im Mund, um die aufsteigenden Schluchzer zu dämpfen. Was haben sie gesagt? Mama war in einem freizügigen Eta… Eta irgendwas? Papa soll unfruchtbar und ich Kurts Tochter sein? Wie konnten meine Eltern mich lieben und umarmen? War deshalb Mama an meinen Geburtstagen oft so bedrückt? Sandys Körper bebte unkontrolliert. Mit einer Hand umklammerte sie ihre goldene Kette. Die Wangen waren klitschnass von ihren Tränen, und über den Rücken rann Schweiß. Durch die feinen Ritzen in der Truhe konnte sie ihre Mutter sehen, die bewegungslos auf dem Boden lag, umgeben von Blut, so verdammt viel Blut …

Ringsum klang es so, als würden die Kerle die gesamte Einrichtung des Hauses kurz und klein schlagen. Flieh!, geisterte es durch ihren Kopf. Ich kann nicht … Statt den Deckel anzuheben, schloss sie matt die Augen. Sei still, egal was passiert, formte sie tonlos die Worte ihres Vaters. Verzweifelt verbarg sie das Gesicht hinter ihren Händen. Sie sollen verschwinden … bitte … guter Gott … Sandy erschrak, als sie genau über sich ein Geräusch hörte. Sie hielt den Atem an. Nun ist alles aus! Waren mittlerweile Minuten oder Stunden vergangen? Sie rollte sich kleiner zusammen und hielt unbewusst den Atem an.

»Wir sollten los, bevor uns jemand entdeckt!« Nach dem autoritären Klang konnte es nur Kurt sein. Er musste unmittelbar neben ihr stehen.

»In Ordnung«, kam es von seinen Lakaien zurück.

Sandy schluckte, tiefer Hass schoss empor. Mörder! Sie biss die Zähne zusammen, um nicht laut loszuschreien.

»Also, Abmarsch … Und draußen legen wir ein Feuerchen, um alle Spuren zu verwischen.«

Feuer! Nein! Sandra riss die Augen auf.

 

 

 

Die Entführung

 

Die Haustür wurde zugezogen, und kratzte dabei laut über den Fliesenboden. Sandy horchte einen Moment. In ihren Ohren rauschte der rasende Puls. Vorsichtig traute sie sich aus ihrem Unterschlupf. Sie schob den Deckel hoch, dabei fielen einige Kleidungsstücke herab, die ihr Versteck getarnt hatten.

Ungelenk kletterte das Mädchen hinaus. Sandra spürte die Steifheit ihrer Gliedmaßen, aufgrund der unbequemen Position im Inneren der Truhe. Sie schluchzte, trocknete ihr Gesicht notdürftig mit dem T-Shirt und hinterließ dunkle, nasse Flecken darauf.

»Mama? Papa?«, hauchte Sandy, obwohl ihr bewusst war, dass beide nicht mehr leben konnten. Sie musste sie sehen, aus nächster Nähe, um es zu begreifen. Langsam bewegte das Mädchen sich vorwärts, der großen Blutlache entgegen. Es erblickte die Eltern, unnatürlich verdreht am Boden, die Augen weit und voller Qual aufgerissen, die eine stumme Anklage in die Welt schrien.

Sandra stützte sich an der Wand ab, versuchte, nicht in die blutige Pfütze hineinzutreten, bis ihre Beine den Dienst versagten und sie auf die Knie sank. Sie krabbelte an ihre Mutter heran. Zumachen! Zumachen! Sie ertrug nicht länger dieses Starren, fuhr mit bebender Hand über die Augenlider, um sie zu schließen.

»Kein … kein Wort wird er … erfahren«, brachte Sandra stockend hervor.

Ein Schatten hinter dem Fenster ließ sie zusammenzucken. »Mist! Sie wollen alles abfackeln.«

Ihr Blick fiel auf Mutters Medaillon, das unter der Kommode hervorlugte. Zitternd griff sie danach. Es war aufgesprungen. Sandra sah in der Herzform ein Foto aus glücklichen Tagen: ihre Familie, lächelnd …

Sandy drückte es zu, denn sie konnte das Bild im Moment nicht ertragen. Sie löste ihre Goldkette, deren Glieder an einen geflochtenen Zopf erinnerten und schaffte es, das Schmuckstück aufzufädeln, das seinen Platz neben dem schlichten goldenen Kreuz fand. Das Mädchen umschloss das Herzmedaillon und den Anhänger mit seiner Hand.

»Ihr werdet immer bei mir sein«, flüsterte Sandra. Vorsichtig rappelte sie sich hoch, hielt kurz inne, bis die schwarzen Punkte vor ihren Augen verschwanden. »Jetzt reiß dich zusammen!« Sie musste hier endlich raus. Brandgeruch schob sich in ihre Nase. Vor dem Fenster stiegen erste Rauchschwaden auf.

Hilfe … hol Hilfe! Sandra griff instinktiv in die hintere Hosentasche, in der sie meist ihr Handy verstaute, diese war leer. Sie rannte in den Vorraum, starrte einen Augenblick benommen auf das heillose Durcheinander. An der Wand lugte ein loses Kabel hervor. Sie hatten das Telefon heraus­gerissen.

Zum Nachbar! Mario anrufen … Polizei … Sandy lief zur Hintertür, riss sie auf und prallte gegen einen Männerkörper.

 

»Feuer treibt jegliches Ungeziefer aus. Das ist wirklich nach meinem Geschmack, du läufst mir direkt in die Arme. Weißt du, ich hätte dich auch aus der Truhe ziehen können, aber es gibt Momente im Leben, da sollte man nicht den einfachen Weg verfolgen, sondern Strategie anwenden, um den Reiz zu erhöhen.«

Sandra sah hoch und erschauerte. Im ersten Moment dachte sie, es wäre ihr Vater. Doch dieser kalte Blick … Sie blieb erstarrt stehen. Hart packte Kurt Sandra an der Schulter.

»Hilfe!«, rief sie aus einem Impuls. Wer sollte sie schon hören? Der nächstliegende und einzige Nachbar wohnte eine Kehre weiter, die von hier nicht einsehbar war.

Kurt verschloss hart ihren Mund mit seiner Hand und zog sie ein Stück vom Gebäude weg. Zu den Seiten züngelten die ersten Flammen hinauf, begleitet von einem Prasseln, Fauchen und Zischen des Feuers.

»Hör auf, dich zu wehren! Oder bist du so töricht, dass du mit Sophie und Manfred verbrennen willst?« Kaum hatte er ausgesprochen, fluchte er. »Au, du verdammtes Biest, du hast mich gebissen!«

Er verpasste ihr eine Ohrfeige. Sandras Kopf flog zur Seite. Deutlich blieben Fingerabdrücke auf der Wange zurück. Tränen füllten ihre Augen, vor Wut und Zorn, nackter Panik und Hass. Sie wollte keine Schwäche zeigen, presste ihre Lippen hart aufeinander und unterdrückte jeglichen Laut.

»Du hast mehr von mir, als ich dachte.«

Niemals!

Kurt zerrte Sandra zu der schwarzen Limousine, die am Straßenrand parkte. Er stieß sie in den Fond des Wagens, zog seine Pistole und zielte auf das Mädchen.

 

Niemand bemerkte den Mann, der sich im Schutze eines Baumes verbarg. Er hob kurz die Hand und sein Hund setzte sich neben ihn. Der kleine Münsterländer visierte sein Herrchen an und wartete auf das nächste Kommando. Gerade heute hatte er sein Jagdgewehr nicht dabei, denn die maskierten Männer waren bewaffnet. Erschrocken zuckte er zusammen, als er Manfred sah, der seine Tochter zum Auto schleifte. Aber … aber, seit wann ist mein Nachbar derart grob? Er griff zur Brust, hob den Feldstecher empor, der an einer Schnur baumelte. Die Statur passte, das Aussehen auch … Nur solch ein Verhalten hätte er niemals für möglich gehalten. Wer konnte schon hinter die Fassade eines Menschen schauen? Hatte er sich tatsächlich so in Manfred getäuscht?

Irritiert schüttelte er den Kopf. Die dunkle Limousine war ihm völlig fremd. Vorne hatten die schwarz bekleideten Männer Platz genommen, einer davon war verletzt, während Manfred mit Sandra hinten saß. Die Flammen loderten immer stärker werdend an der Fassade des Hauses empor. Rasch prägte er sich die Autonummer ein. Er langte nach dem Handy in die Innentasche seiner Jacke, um Polizei und Feuerwehr zu verständigen. Während der Wagen los fuhr, setzte er den Notruf ab.

 

Sandy starrte auf den schwarzen Vorhang, der den vorderen Bereich der Limousine vom hinteren abgrenzte, sodass sie nicht hindurchschauen konnte. Die Hände waren zu Fäusten geballt und die Fingernägel gruben sich tief in ihr eigenes Fleisch. Sie wollte schreien, weinen, um sich schlagen … Sie saß wie erstarrt da. Immer wieder schob sich das Bild ihrer toten Eltern in den Kopf, sie lagen inmitten eines blutigen Sees.

Warum mussten sie auf so grausame Weise sterben? Alles wegen einer Formel? Würde sie ebenso enden? Obwohl, das war eher unwahrscheinlich, wenn sie ihren Tod wollen würden, hätten die Männer sie nicht entführt. Also, was hatten sie vor? Die Formel aus hier herauspressen oder etwas anderes? Hast du eine Ahnung, wie viel Geld gewisse Männer mir für eine kleine Jungfrau bieten?, hörte sie Kurts Stimme in ihrem Ohr.

Sandra schluckte. Das klang bedrohlich, sehr sogar. Wäre da der Tod nicht besser?

»Endlich sind wir vereint, Vater und Tochter.«

»Mein Papa ist Manfred Berger.«

»Er war ein lausiger Vater, ein viel größerer Narr, und konnte nicht einmal seine Familie beschützen.«

»Auf so ein Stück Scheiße wie dich kann jede Familie verzichten«, wisperte sie rau.

Kurts Hand schnellte vor, quetschte ihre Wangen schmerzhaft zusammen. Seine Augen glitzerten kalt. »Du solltest lernen, Respekt vor mir zu haben.«

»Bring mich doch um«, sprach sie gepresst.

»Leider teile ich nicht die abnorme Leidenschaft meines Vaters, so wird mein Freund Diego dich zähmen, der ist ganz vernarrt in so hübsche Dinger, wie du es bist. Und später wirst du in die Fußstapfen deiner Mutter treten. Dabei bleibe ich im Hintergrund, beobachte und genieße deine Qual. Bedanken kannst du dich übrigens bei deinem V a t e r, hätte er sich nicht so geziert, würdet ihr alle noch leben.« Er ließ sie los.

Sandy hielt unbewusst den Atem an. Ein eisiges Beben kroch durch ihren Körper, sie schlang schützend ihre Arme herum. Sie war viel zu verwirrt, um überhaupt einen klaren Gedanken fassen zu können.

»Manfred meinte, die Formel wäre ganz in der Nähe von eurem Haus? Weißt du davon?« Sein Blick war lauernd.

Sandy antwortete nicht, sondern drückte sich tiefer in die Ecke der hinteren Sitzbank. Kein Wort wird er von mir erfahren!

»Glaub mir Kleine, es kommt der Zeitpunkt, da wirst du zwitschern wie ein Vögelchen. Denn ich bin nicht nur Mister Night, sondern der Herrscher über die Abgründe der Menschheit.« Kurt grinste höhnisch.

Sandra drehte den Kopf zur Seite und blickte zum Seitenfenster hinaus. Ihre Augen waren auf den Mittelstreifen, einen durchgehenden weißen Strich, der Straße geheftet. In ihrer Kehle steckte ein dicker Kloß, der sie kaum atmen ließ.

»Fragst du dich nicht, wo ich dich hinbringe?«

Sie zuckte flüchtig mit den Schultern. Spielte das eine Rolle?

»Sieh mich an!« Erst, als er die Waffe ihr in die Seite drückte, kam sie seinem Befehl nach.

»Du begleitest mich nach Amerika. Immerhin wird mir dieses Pflaster hier momentan zu heiß, wenn du weißt, was ich meine.«

Sandra versteifte sich unwillkürlich. Nein! Nein! Nein!

»Dein Pass lag ganz oben in der Schublade der Esszimmerkommode, es schien, als hätte er darauf gewartet, von mir gefunden zu werden«, raunte er ihr ins Ohr. Während sein Lachen stetig lauter wurde, schloss sie gequält die Augen und ihr Körper wurde von stummen Schluchzern gebeutelt.

 

 

Kurt betrat mit dem Mädchen das riesige Foyer des Grazer Flughafens. Sandy stoppte, starrte auf die monströsen Glasfronten. Zahlreiche Menschen tummelten sich in der Halle. Sie hätte sich im Augenblick nicht verlorener fühlen können. Der verletzte Kerl war beim Auto geblieben, während sich der andere um das Gepäck seines Bosses kümmerte. Kurt fasste sie härter am Handgelenk. »Sei brav!«, zischte er ihr zu, »ansonsten knöpfe ich mir deinen Bruder noch vor.«

Sandra gab keinen Mucks von sich. Mario durfte nichts zustoßen. Fordernd schob er sie weiter. Ihr Kopf fühlte sich leer an, und der Kampfgeist hatte sich in Luft aufgelöst, irgendwo zwischen ihrem Zuhause und dem Flugplatz. Sandy war versucht, ihre Kette zu berühren. Sie unterließ es, spürte dennoch die fremde Last des Herzmedaillons, das nun mit dem kleinen Kreuz ihre Haut sanft streichelte. Aber nichts konnte darüber hinwegtäuschen, dass sie bald nicht mehr in Österreich sein würde …

Ihr Onkel besorgte die Bordkarten. Nach einer gefühlten ewigen Wartezeit, die sie schweigend verbrachten, begaben sie sich zum Gate 9. »Mach keine Faxen«, drohte Kurt erneut.

Nur mit Mühe konnte Sandra ihre Tränen unterdrücken. Sie wollte tapfer sein, sie musste tapfer sein, für Mario. Vielleicht rettete dieser überhastete Aufbruch sein Leben. Nichts wünschte sie sich im Augenblick sehnlicher. Außer, sie könnte endlich aus diesem Albtraum erwachen. Doch es war kein Traum. Ihre Hand schmerzte, da Kurt sie wie in einem Schraub­stock hielt.

Der Kontrollabschnitt wurde an der Perforierung abgerissen und ein Mitarbeiter der Fluggesellschaft wünschte einen angenehmen Flug. Sandra hielt den Kopf gesenkt, schaute kaum nach links oder rechts, sondern ließ sich von Kurt mitschleifen, in welche Richtung er auch immer wollte.

 

»Na, mein kleines Fräulein, was möchtest du trinken?«

Verwirrt sah Sandra auf. Vor ihr stand eine Stewardess in blauer Uniform und lächelte sie an. Kurz blickte das Mädchen zum Fenster hinaus. Der Flieger hatte bereits abgehoben. Sandy bemerkte ein Wolkenmeer, das sich wie ein weißgrauer Teppich ausbreitete. Sie fand in diesem Anblick keinen Trost, denn jede Sekunde entfernte sie sich mit der Boeing weiter von ihrer Heimat.

»Hast du Durst?«, hakte die junge Frau nochmals nach.

»Ein Wasser«, wisperte Sandy schließlich leise. »Bitte.«

»Ein stilles Wasser oder lieber Soda?«

»Still«, mischte sich Kurt ein. »Sie fliegt heute zum ersten Mal«, erklärte er weiter und schenkte der Stewardess ein einnehmendes Lächeln.

»Ach, da bist du wohl etwas nervös?« Die Frau zwinkerte ihr aufmunternd zu, während sie das gewünschte Getränk reichte.

»Danke«, erwiderte Sandra, doch die Stewardess hatte sich bereits umgedreht und widmete sich den Wünschen der anderen Fluggäste.

Sandy nippte am Wasser, ehe sie es vor sich in die Halterung stellte. Sie rutschte unruhig auf ihrem Sitz hin und her. Ob sie hier jemandem sagen könnte, dass sie entführt wurde? »Ich muss aufs Klo«, sprach sie schließlich zu ihrem Onkel.

Mahnend starrte Kurt sie an. »Versuche ja nicht, mit irgendjemandem zu reden. Wir sind vielleicht nicht mehr in Österreich, aber glaub mir, ich habe Kontakte.« Sein spöttisches Grinsen unterstrich das eben Gesagte.

Kann er Gedanken lesen? Sandra wurde blasser um die Nase, als sie ohnehin schon war. »Ich muss nur aufs Klo«, wiederholte sie trotzig, ihre Frustration war unüberhörbar.

»Dann werde ich dich besser begleiten.«

Beide erhoben sich. Kurt postierte sich vor der Toilettentür, während Sandra dahinter verschwand. Mit unverminderter Wucht brachen heiße Tränen hervor. Zittrig hielt sie ihre fein­gliedrigen Finger unter den Wasserhahn, kühlte damit die Hände und schließlich das Gesicht. Sandy schaute auf. Bedrückt starrte sie ihr Spiegelbild an, strich bebend eine Haarsträhne hinters Ohr. Bisher hatte sie immer gedacht, sie würde ihrem Vater ähneln. Doch es war Kurt. Die rundliche Nasenspitze, vor allem diese kühlen, grauen Augen … Sie ähnelte einem Mörder, einem Monster …

Sandra wurde schlecht, und sie erbrach sich ins Waschbecken.

»Mist!« Sie würgte noch einige Male, aber ihr Magen war leer. Zurück blieben ein ekelhafter saurer Nachgeschmack und ein Brennen hinter dem Brustkorb, dessen Ursache nicht alleine an der ätzenden Magensäure lag.

Es klopfte fordernd gegen die Tür. »Bist du endlich fertig oder willst du da drinnen übernachten?« Kurt klang wütend.

Rasch spülte Sandra das Erbrochene weg, dann ließ sie Wasser durch ihren Mund laufen. Wirklich besser fühlte sie sich dadurch nicht. Mit einem Stück Papier, das normalerweise zum Händeabtrocknen gedacht war, tupfte sie sich die Tropfen aus dem Gesicht.

Erneut pochte ihr Onkel an die WC-Tür und sie hatte keine andere Wahl, als ihm entgegenzutreten. Er lachte boshaft, und sie wusste, dass es an ihrem jämmerlichen Aussehen liegen musste.

»Ach, ist dir etwas übel, das tut mir leid«, spottete er.

Sandra antwortete nicht. Wie konnte es Menschen geben, die sich am Schmerz eines anderen erfreuten? Sie schwankte. Du wirst büßen, für alles! Bei der nächsten Gelegenheit würde sie fliehen, das versprach sie sich selbst. Niemals wollte sie bei Kurt oder diesem Diego enden! Mit zittrigen Knien ging sie Richtung Sitzplatz zurück, deutlich spürte sie den Onkel im Rücken. Meine Eltern dürfen nicht umsonst gestorben sein …

 

Der Flug nach Amerika dauerte etliche Stunden. Kurt warf Sandra einen prüfenden Seitenblick zu. Eigentlich hatte er ein komplett eingeschüchtertes Mädchen erwartet. Aber die Kleine saß aufrecht, knabberte an einem Schinken-Käse-Brötchen. Dir wird dein Hochmut vergehen! Sein Mund verzog sich zu einem hämischen Grinsen. Spätestens dann, wenn Diego dich zähmt.

Dennoch fühlte er sich im Inneren irgendwie aufgewühlt. Das verdammte, alte Haus mit all den Erinnerungen ... Es war mittlerweile eine halbe Ewigkeit her, in der er geschworen hatte, jeden einzelnen seiner Sippe auszulöschen. Die Manipulation am Auto der Eltern war ein Leichtes, er hatte das Bremsseil angeritzt, sodass es kontinuierlich an Flüssigkeit verlor. Schließlich sind seine Alten über einen Abhang hinabgestürzt, und beide dürften auf der Stelle tot gewesen sein. Jeder wusste, welch rasanten Fahrstil der Vater hatte, und demnach war kaum jemand überrascht, als es tatsächlich passierte.

Damals war er vierzehn und Manfred zwölf. Obwohl es seit zwei Jahren keine nächtlichen Übergriffe mehr gab, ertrug er seinen Vater nicht länger. Ständig meckerte er, betitelte ihn mit den widerwärtigsten Schimpfwörtern, gab Anweisungen, die er ohnehin nie zu seiner Zufriedenheit hätte ausführen können, und kommandierte wie ein Oberfeldwebel, der er tatsächlich beim Bundesheer war.

Eigentlich hätte der kleine Bruder am Unfalltag mitfahren sollen, zu einem der seltenen Besuche in der Stadt, wo es Eis oder Kuchen gab, und natürlich dem Lieblingskind zustand. Offensichtlich hatte Manfred die Manipulation mitangesehen, denn sonst hätte er unmöglich davon wissen können. Warum hatte er damals die Eltern nicht gewarnt? Schützte Manfred ihn? – Ach, was für ein absurder Gedanke! Sein Mund fühlte sich sonderbar trocken an. Keine Schwäche zeigen!, mahnte er sich selbst.

Der Großvater kam damals in eine Pflegeeinrichtung, denn der Tod des eigenen Sohnes und der Schwiegertochter, führte zu einem starken, psychotischen Schub, sodass eine Obsorge zu Hause nicht mehr möglich war. Außerdem musste sich nun die Großmutter um zwei pubertierende Teenager kümmern, die dazu hochtraumatisiert waren. Wie sehr … nun, das überspielte die alte Dame gekonnt. Nur wagte er es nicht, sie ebenfalls aus den Weg zu räumen, denn dann hätten sie jemand außenstehenden als Vormund vorgesetzt bekommen, und dieses Risiko wollte er keineswegs eingehen.

Kurt lugte zu Sandy. Er hatte bloß das zu Ende gebracht, was er schon immer wollte. Zudem ist endlich dieses verdammte Elternhaus zerstört. Niemals mehr wird er einen Fuß hineinsetzen müssen, wo selbst die Wände ihm mit Vaters Stimme scheinbar zuflüsterten, dass er ein Niemand sei.

Es musste weg, sowie alles, was ihn an seine Vergangenheit erinnerte. Eigentlich hatte er erwartet, dass er sich besser fühlen müsste, erleichtert. Ob es am Mädchen lag? Kurt schüttelte widerwillig den Kopf. Ich bin zwar genetisch gesehen dein Erzeuger, deshalb hasse ich dich nicht weniger als den Rest der Sippe, den es Gott sei Dank nicht mehr gibt! Aber du, ja du, wirst mich für all die Jahre entschädigen, die mir mein Vater geraubt hat!

 

Sandra war verdammt zum Stillsein. Sie rührte sich kaum, streckte nur manchmal ihre steifen Glieder ein wenig aus. Bald würde die Dunkelheit hereinbrechen. Noch wehrte sich die Sonne mit aller Kraft. Sandy spähte hinaus. Der blutrote Horizont ließ all die Ereignisse der letzten Stunden hochkommen. Die leblosen Augen ihrer Mutter, der seltsame verdrehte Kopf vom Vater, das viele Blut, Rauch, Flammen … Das Mädchen presste die Lippen aufeinander, um die zitternden Schluchzer nicht hervorzulassen. Sie krallte ihre Finger tief in die Oberschenkel. Minute um Minute wurde das Licht schwächer, verblasste, ein letztes Aufflackern, ehe es die Umgebung in ein dunkles Grau tauchte.

Die Geräusche im Flugzeug hatten an Intensität verloren. Sandy konnte den Atem von Kurt hören. Ob alles abgebrannt war? Würde sie auch für tot gehalten werden, umgekommen im Feuer? Was war mit Mario, suchte einer von Kurts Komplizen nach ihm? Lebte er oder spielte ihr Onkel mit ihr, damit sie sich ruhig verhielt?

Sandy stieß einen qualvollen Seufzer aus. Denk an etwas anderes. Sonst wirst du verrückt …

Sie schloss die Augen, spürte wieder ihre Kette auf der Haut. Vater unser im Himmel, formten ihre Gedanken das Gebet. Jetzt, hier in dieser Aussichtslosigkeit, erkannte Sandy den wahren Grund, weshalb das Leben ihrer Eltern derart mit Religiosität ausgefüllt war. Sie suchten Hoffnung, Ruhe, Zuspruch, Kraft bei Gott und in der Gemeinschaft.

… geheiligt werde dein Name …

Und im Moment gab ihr das Gebet ein Stück Vertrautheit.

 

 

 

Ottawa – Die Flucht

 

Ein schwarzer SUV mit getönten Scheiben stand bereit. Der Chauffeur nahm das Gepäck ent­gegen und verstaute es im Kofferraum. Kurt dirigierte Sandra auf die Rückbank und setzte sich neben sie, um achtzugeben.

Sandy sah fasziniert und gleichermaßen eingeschüchtert zum Seitenfenster hinaus. Unzählige Fahrzeuge zwängten sich durch die Straßen. Als Mädchen vom Land fand sie schon eine Stadt wie Graz bedrohlich, aber das hier übertraf all ihre Vorstellungskraft. Häuser standen dicht gedrängt, ragten in die Luft empor, sodass sie nicht einmal den First erkennen konnte. Hastig eilten hell- und dunkelhäutige Menschen am Rand entlang.

Die Unterhaltung zwischen Kurt und dem Chauffeur wurde auf Englisch geführt. Sie musste sich konzentrieren, um etwas zu verstehen, da die Worte bedeutend rascher und mit einem Akzent gesprochen wurden, als sie es gewohnt war. Im Hintergrund erklang Musik, die zumindest nicht fremd wirkte und sie meist auch zu Hause hörte. Sandy schluckte. Dennoch hatte sie vor dem fremden Kontinent weniger Angst als vor Kurt. Er hielt seine Pistole auf sie gerichtet. Ob er mich nun zu diesem Diego bringt?

Sandra hatte längst keine Orientierung mehr. Sie wusste nur, dass sie sich im Augenblick in Ottawa befand, der Hauptstadt Kanadas. Der Geländewagen nahm scheinbar wahllos eine Abzweigung nach links und dann wieder rechts. Er fädelte sich durch den Verkehr mit einer Geschwindigkeit, die sie beängstigend fand. Sie krallte ihre Fingernägel in die Sitzbank. Plötzlich ging ein Ruck durch den gesamten Wagen, und sie wurde hart in den Gurt gepresst. Während sie versuchte, zu realisieren, was passiert war, erklang im Hintergrund ein heilloses Durcheinander von Huplauten. Sandy schaute hinaus. Sie standen mit dem Wagen inmitten der entgegenkommenden Fahrbahn.

»Shit!«, fluchte der Fahrer in seiner Landessprache. »Mister Night, geht es Ihnen gut?«

»Zur Hölle!«, erklang es neben ihr von Kurt.

Mister Night, echote es in Sandras Gedanken. So nannte er sich selbst!

»Wofür bezahle ich dich überhaupt, wenn du es nicht einmal schaffst, mich auf dem schnellsten Weg aus dieser verfluchten Stadt hinauszubringen?«

»Der Idiot hat uns voll gerammt!« Der Fahrzeuglenker vermied es, Augenkontakt über den Innenspiegel zu suchen.

Kurt ächzte, wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Er blutete.

Die Waffe ist weg!, durchfuhr es Sandy. Ohne weiter nachzudenken, zog sie am Türgriff. Er ließ sich öffnen, und schon machte sie einen Satz hinaus auf die Straße.

»Verdammt!«, knurrte Kurt und versuchte, nach ihr zu greifen. Er langte in die Luft. »Warte hier!«, instruierte er dem Mann hinter dem Lenkrad sichtlich wütend, und nahm die Verfolgung auf.

Sandra lief blindlings über die Straße, zwängte sich zwischen den stehenden Autos hindurch, da durch den Unfall kein Weiterkommen mehr möglich war.

»Haltet das Mädchen!«, rief Kurt.

Plötzlich erfasste sie eine Hand. Panisch schrie Sandy auf und sie blickte in das Gesicht eines Schwarzafrikaners, der die Scheibe heruntergelassen hatte. Sie wollte sich losreißen, schaffte es nicht, und Kurt kam immer näher. Instinktiv beugte sie sich hinunter und biss dem Mann so fest in den Arm, wie sie konnte. Überrascht ließ er sie los und stieß einen derben Fluch aus.

Weiter, rasch! So schnell ihre Beine sie trugen, rannte Sandra weiter, schlängelte sich zwischen Fußgängern hindurch.

»Sie darf nicht entkommen!«, hörte sie hinter sich Kurt rufen. Keiner der Passanten griff ein. Sie begutachteten bloß neugierig die dargebotene Szene.

»Sorry!«, stieß Sandy frustriert aus, als sie jemanden anrempelte. Noch immer war ihr Kurt auf den Fersen, obwohl sich mittlerweile etwas mehr Distanz aufgebaut hatte. Sandra atmete schwer, griff sich an die Flanke, in der es schmerzhaft stach. Bald würde sie keinen Schritt mehr laufen können. Er darf mich nicht erwischen … Sie mobilisierte ihre letzten Reserven. Lieber würde sie sterben, als aufzugeben. Es muss hier ein Versteck geben. Sie bog in die nächste Gasse ein.

»Nein! Eine Sackgasse!« Verzweifelt blickte Sandra auf die steinerne Wand, die einige Meter weiter vorne emporragte. Es war zu spät, um kehrtzumachen. Jeden Moment konnte Kurt auf­tauchen. Hilfesuchend sah sie sich um. Sie sprintete zu der einzigen Innentür und drückte entschlossen die Klinke hinunter. Verschlossen …

»Verdammt!« Sandra trat wütend dagegen und rüttelte daran in einem Anflug grenzenloser Verzweiflung. Sie bewegte sich keinen Millimeter! Der zweite Hieb gegen das Türblatt fiel bedeutend sanfter aus und zeugte von ihrer Resignation. Hoffnungslos lehnte sich Sandra dagegen. Sie wusste schon jetzt, dass das kein Versteck war und er sie in wenigen Sekunden wegziehen würde. Der Atem von Kurt ging keuchend und drang hörbar zu ihr, ehe sie ihn überhaupt sehen konnte. Sie presste sich tiefer in die Nische zurück.

Plötzlich schwang die Tür auf. Sandra stolperte zurück. Jemand stützte sie von hinten und zog sie ins Innere des Gebäudes. Ihr Mund wurde von einer Hand umschlossen. Sandys Herz raste vor Panik und Anstrengung. Sie war kurz davor zu schreien.

»Psst«, erklang es leise. Ihr Gegenüber ließ von Sandra ab und verriegelte rasch die Tür.

Langsam wurde sie ruhiger, denn anscheinend meinte es dieser Mensch gut mit ihr. Sandys Augen gewöhnten sich an die Düsternis im Vorraum und sie blickte auf eine alte Frau. Das Gesicht zeigte tiefe Falten und das graue Haar war zu einem dünnen Zopf gebunden.

Sandra zuckte erschrocken zusammen, als jemand am Türblatt riss.

»Verflixt!«, erklang es von draußen. »Sie kann sich nicht in Luft aufgelöst haben!« Kurt trat forsch gegen die Metalltür. »Ich hab ihre Stimme gehört.«

Bald darauf vernahm das Mädchen weitere Geräusche, als würde jemand draußen die Mülltonnen zur Seite schmeißen. Die alte Frau und Sandra blieben stumm. Noch einmal rüttelte es an der Tür. Sandy zitterte und verschanzte sich unter dem Stiegenaufgang, der eine kleine Lücke bot.

»Ruhe, sonst hole ich die Cops!«, rief die Alte schließlich hinaus. Sie hatte das schmutzige Fenster einen kleinen Spalt geöffnet, auch der brachte kaum Helligkeit ins Gebäudeinnere. Sandy hörte, wie Kurt etwas Unverständliches brummte. Offensichtlich machte er gezwungenermaßen kehrt.

»Er ist weg«, sprach die Frau, nachdem sie sich mit einem Blick versichert hatte. Sie reichte Sandra ihre Hand. »Bei einer Tasse heißer Schokolade wirst du den Schrecken rasch vergessen.«

 

Wütend blickte Kurt die Gasse entlang. Wie konnte das passieren? Nun hatte er weder die Formel noch Sandy. Was sollte er Diego erzählen? Jetzt musste er ihm ein anderes Mädchen besorgen, um ihn nicht zu vergraulen.

»Dieses verfluchte Biest!« Wütend schlug er mit der flachen Hand gegen eine Mauer. Die Wunde auf der Stirn schmerzte, und mit all dem Blut im Gesicht wirkte er bestimmt gerade nicht besonders vertrauensvoll. Er sollte sich wirklich vom Acker machen, ehe jemand die Cops rief und sie ihm auf die Spur kämen. Außerdem musste er seine Männer zusammentrommeln, damit sie die Gegend durchkämmen und dieses Miststück finden. Es kam gar nicht in Frage, dass sie in der Gosse starb und ihn um seine Rache betrog. Rasch eilte er zurück zum Chauffeur.

 

»Danke«, wisperte Sandy. Sie hatte den Kakao ausgetrunken. Die Süße und die Wärme schafften es tatsächlich, sie etwas zu beruhigen. Ihre Retterin hielt eine graue Katze auf ihrem Schoß, die laut schnurrte.

»Glaub mir, du bist nicht das erste Mädchen, das ich vor einem Drecksack rette«, sprach die alte Frau. »Ich hoffe ja, dass dieser Halunke nicht dein Vater ist.«

Sandys Herz setzte einen Augenblick aus. Sie schüttelte schließlich den Kopf. Manfred war ihr Vater, nicht Kurt, nie und nimmer.

»Dann solltest du rasch nach Hause gehen, damit sich deine Mutter keine Sorgen macht.«

Nur mit Mühe schaffte Sandra es, ihre Tränen zu unterdrücken.

»Wie heißt du eigentlich?«

»Sandy«, wisperte sie leise.

»Du bist nicht von hier? Oder?«

»Ich bin aus Österreich.«

Die Alte lachte auf. »Kindchen, du weißt wahrscheinlich nicht einmal, wo das liegt.«

Abrupt erhob sich Sandra, sodass sogar die Katze einen Schrecken bekam und fluchtartig ihren Kuschelplatz verließ. Das Lachen verletzte sie. Kein Mensch würde ihr glauben! Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drehte sie sich um und verließ die Wohnung.

»Warte!«, rief die alte Frau hinter ihr her.

Sandy reagierte nicht. Sie hastete die Stufen hinab, ließ das Gebäude hinter sich und tauchte im Getümmel der Leute unter.