Überarbeitungsphase - und kleine Leseprobe :) - viele Spaß 

 

Erster Teil

Prolog

Burnside/Louisiana 1844

Zum Teufel! Wo ist Quentin? Nathaniel Bennetts Augen verengten sich, als er die Gegend nach seinem Aufseher absuchte. Zwischen den Baumwollstauden und hoch zu Pferd schaute er auf seine Sklaven hinab. Irgendetwas war anders. Keiner muckte, alle pflückten Baumwolle in Windeseile, niemand bettelte um Wasser, obwohl die Sonne heiß vom Himmel brannte. Warum waren sie heute derart fügsam und fleißig?

»Wo ist Quentin abgeblieben? Hat jemand von euch ihn gesehen?«, forschte er im herrischen Ton.

Verneinend schüttelten die Sklaven ihre Wollschöpfe und arbeiteten, ohne aufzuschauen, weiter.

Verlogenes Pack! Irgendetwas verbergen sie! Haben sie Quentin etwas angetan? Sein Blick wanderte durch die Reihen der Untergebenen. Sicherheitshalber zählte er durch. Moment mal – da fehlt doch jemand! Die Männer waren vollzählig. Also ein Weib! Befand sich sein Vorarbeiter bei einem heimlichen Stelldichein? Ganz in der Nähe?

Jäh schwang er sich von seinem schwarzen Hengst und stapfte, mit der Peitsche drohend, auf eine Sklavin zu. Er bemerkte, wie ihre Hände in seiner Nähe zitterten. »Nahla, was ist hier los?« Knallend ließ er die Peitsche durch die Luft sausen.

Erschrocken duckte sich Nahla. »Sir Bennett, ich bitte Sie, fragen Sie jemand anderen.«

»Ich frage dich!«

Ihre Augen glitten zu den entfernten Büschen.

»Ist er dort hinten?«

Ihr zustimmendes Nicken war kaum wahrzunehmen. Nathaniel beachtete Nahla nicht weiter und eilte zu dieser Stelle. Er stoppte, bevor er sein Ziel erreicht hatte. Stöhnt da wer? Heißer Zorn brodelte in ihm. Quentin gab sich offensichtlich irdischen Freuden hin, statt sich um seine Pflichten zu kümmern. Nathaniel zog die Waffe und schlich vorsichtig weiter. Dem werde ich Beine machen!

Mit einem Satz sprang er aus dem Busch hervor und befand sich inmitten einer kleinen Lichtung. Er starrte auf Quentins Rücken. Noch immer hatte der Vorarbeiter ihn nicht wahrgenommen. Es dauerte eine Weile, bis Nathaniel begriff, was da vor sich ging. Die Sklavin Eliza wimmerte leise, ihre Haut glänzte vor Schweiß, sie atmete röchelnd und stoßweise. Der Boden war ringsum besudelt mit Blut. Bekommt sie ein Kind? Nathaniel ließ die Waffe sinken, steckte sie in die Halterung zurück und trat näher. Selbst jetzt wirkte der Bauch der Sklavin kaum fülliger als sonst. Eliza bäumte sich auf, ein letztes Mal, während Quentin mit seinen Händen ein Mädchen aus dem sterbenden Leib zog. Der Säugling schrie. Ein Wunder, inmitten des Blutes!

Nathaniel blickte in die entsetzten Augen seines Vorarbeiters, die feucht schimmerten. Notdürftig schlug Quentin seine Jacke ums Kind. Nathaniel kniete sich an die Seite der Sklavin. Ihr Brustkorb senkte sich und hauchte den letzten Lebensatem aus. Verblutet … Er schluckte, diese Szene rührte an sein Herz. Nathaniel schloss sanft die leblosen Lider der Sklavin. Seufzend erhob er sich und betrachtete Quentin, der das Neugeborene schützend hielt. Obwohl sein Vorarbeiter nichts gesagt hatte, wusste Nathaniel, dass Quentin der Vater des Säuglings sein musste.

Könnte das kleine Mädchen ein Ersatz für Fionas totes Kind sein und vermögen, seine Frau aus ihrer Schwermut zu holen? Wenige Monate zuvor hatte sie ein Baby geboren. Es war von schwächlicher Natur gewesen und bereits am dritten Tag in Fionas Armen gestorben. »Komm, gib mir das Mädchen«, forderte Nathaniel Quentin auf.

Sein Gegenüber zögerte.

»Vertrau mir, ich habe nichts Böses im Sinn, sondern möchte es Fiona bringen. Die wird mit dem kleinen Balg sicher Freude haben.«

Quentin blickte auf das kleine Wesen, auf seine Tochter. Dennoch wusste er, dass sie kaum einen besseren Platz finden könnte, als im Haus seines Vorgesetzten. Er zitterte. Eliza tot – im verdorrten Gras, wie sollte er sich das jemals verzeihen? So bereitwillig hatte sie ihm Leidenschaft und Wärme geschenkt. Und nun? Nun verfluchte er sich dafür. Ohne ihn würde es dieses Kind nicht geben und Eliza könnte noch leben. Doch als er das kleine Wesen mit den dunklen Augen anschaute, fühlte er innige Zuneigung. Allein der Gedanke, die Kleine könnte irgendwann derart ausgebeutet werden wie all die anderen Sklaven auf dieser Plantage, zerriss ihm fast das Herz.

»Bestimmt willst du nicht, dass es in den Baracken groß wird. Ich gebe dir mein Wort: das Kind muss nicht auf die Felder, sondern soll bei uns im Haus eine Anstellung bekommen, sobald es alt genug dafür ist. Das mache ich nur, weil ich dich als loyalen Mitarbeiter schätze. Nichtsdestotrotz, Eliza ist mein Eigentum und ihr Nachwuchs ebenfalls. Du hättest ohnehin kein Recht auf das Mädchen, ungeachtet dessen, dass du frei und weiß bist.« Nathaniel nahm ihm den Säugling ab.

Quentin sank auf die Knie. »Thalia«, flüsterte er rau.

»Was sagst du?«

»Es soll Thalia heißen. Das war Elizas letzter Wunsch – wenn es ein Mädchen wird.«

»Meinetwegen. Aber nun vergiss das Kind und vor allem, dass es deines ist!«

Sei dankbar!, ermahnte Quentin sich innerlich. Dieses Mädchen würde es zumindest besser haben als einst seine Liebe. »Ich verspreche Ihnen, niemals meine Vaterschaft öffentlich kundzutun. Aber die anderen Sklaven …«

»Darum kümmere ich mich. Denn sollte nur einer von ihnen tratschen, schenke ich demjenigen eine Wanderung durch das Moor.«

Quentin schluckte. Das kam einem Todesurteil gleich. Früher, vor der Zeit mit Eliza, hätte er darüber gelacht. Doch durch das Beisammensein mit ihr hatte er erst all die Ungerechtigkeiten begriffen. Erschaudernd musste Quentin erkennen, dass er selbst Teil dieses ungerechten Systems war, in dem Weiße durch die Ausbeutung der Schwarzen profitierten. Wie konnte er es gutheißen, dass die Tiere im Stall behaglichere Unterkünfte hatten und regelmäßig mit ausreichend Wasser und Futter versorgt wurden, während die Sklaven kaum das Nötigste zum Überleben erhielten? Weshalb lehnte er sich nicht auf? Und aus seiner Hoffnung, Eliza eines Tages freizukaufen, war ein bitterer Nachgeschmack geblieben. Es gab keine gemeinsamen Träume mehr, sondern seine große Schuld! Quentin rückte näher zum leblosen Körper. Er strich über Elizas krauses Haar, ließ es durch seine Finger gleiten.

»Ich werde dafür sorgen, dass dir jemand beim Abtransport des Leichnams behilflich ist.«

Tiefe Schluchzer entwichen Quentins Kehle, während Nathaniel mit dem Säugling davonging.


 

Kapitel 1

Burnside/Louisiana Juli 1850

»Lillian«, zischte jemand und zog mich hinters Gebüsch.

»Grace? Was soll …«

»Psst.« Meine Freundin hielt mir den Mund zu. »Dort drüben, schau«, flüsterte sie und ließ schließlich ihre Hand sinken.

Vorsichtig lugte ich zur Seite. Ich entdeckte einen weißen Mann, der einen Schwarzen grob vom Karren in den Straßengraben warf.

»Lebt der noch?« Ein gequältes Stöhnen, als er auf den Boden prallte, beantwortete meine Frage.

»Elender Bastard!«, zischte Grace neben mir.

Ich zitterte. Entsetzt schloss ich die Augen, als der Weiße den armen Kerl auch noch heftig trat. Das gepeinigte Wimmern drang bis zu uns, wurde leiser, bis es völlig verstummte.  Kurz darauf fuhr das Gespann an. »Komm, wir müssen nach ihm sehen!«

»Nein! Lass ihn! Er wird sterben.«

Ich hörte nicht auf Grace, sondern rannte zum Schwarzen. Entsetzt taumelte ich zurück. Ist er tot? Vor mir lag ein Junge, kaum älter als ich mit meinen knapp neun Jahren. Er war nackt, ihm fehlten sämtliche Finger und aus den Wunden quollen dicke Maden.

»So eine grausame Verstümmelung, offensichtlich hat er gestohlen.«

Verdattert konnte ich den Blick nicht von diesem schmächtigen knochigen Körper lösen. Grace wusste so viel mehr als ich mit meiner unbekümmerten Art. Sie war fünf Jahre älter. Mein Vater hatte einst ihre Eltern als Sklaven gekauft und freigelassen. Seitdem arbeiteten sie mit den anderen Bediensteten gegen Entlohnung auf unseren Tabakfeldern. Es gab Schwarze, Mulatten, Weiße und sie hatten eines gemein: ihre Freiheit. Das unterschied uns grundlegend von den Plantagen ringsum. Da ich keine Geschwister hatte, suchte ich oft Anschluss bei den anderen Kindern. Grace war mir von allen die liebste.

Meine Freundin nahm mich an der Hand. »Wir müssen verschwinden.«

Ich entdeckte ein Brandzeichen auf der Brust des Jungen. »B – wofür steht das?«

Grace seufzte. »Für die Bennett-Baumwollplantage.«

»Bennett – unser Nachbar?«

Sie nickte und zog mich fordernd ins schützende Dickicht.

»Ist … darf man das? Ihn ablegen?«

»Was weiß ich!« Grace wirkte sauer.

»Du hältst mich für dumm, nicht wahr?«

»Du hast keine Ahnung, was es bedeutet, schwarz zu sein! Was würde ich dafür geben, deine helle Haut zu haben!«

»Für mich ist das nicht wichtig. Ich wäre lieber kaffeebraun wie du oder meine Mutter.«

»Du bist wirklich dumm! Die Hautfarbe entscheidet über das Leben. Denkst du tatsächlich, einem Weißen würde so etwas passieren? Dein Vater ist in Ordnung, er schätzt uns. Aber du merkst doch selbst, wenn wir am Hafen sind, wie die Männer mir nachschauen. Ich bin für sie nur eine verderbliche Ware. Wenn ich alt genug bin, gehe ich fort in den Norden.«

Ich schluchzte.

»Mein Gott, weinst du jetzt?«

Mir wurde alles zu viel. Der tote Junge! Und Grace wollte gehen?

»Entschuldige, ich war grob.« Grace nahm mich in den Arm. »So schnell lass ich dich nicht allein.«

Ich wischte mir über die nassen Wangen.

»Deine Mutter, Elina, ist sicher froh, dass du hell bist. Sie weiß selbst, wie es sich anfühlt, wenn man von der Gesellschaft nicht akzeptiert wird. Und das, obwohl ihre Eltern die Plantage aufgebaut haben und sie seit Geburt frei ist. Es gibt bloß wenige Männer wie deinen Vater, die sich über die Konventionen hinwegsetzen, besonders bei uns im Süden. Deswegen müssen wir vorsichtig sein, auch du – denn Sklavenfreunde sind hier nirgendwo gern gesehen.«

Ich schluckte. »Mutter hat nie etwas gesagt.«

»Das wird sie nicht tun, weil Elina dich vor allem Unheil auf dieser Welt schützen möchte. Doch der heutige Tag hat dir gezeigt, wie es wirklich ist. Menschen können Bestien sein.«

Bestien? Demnach musste Bennett eine Bestie sein. Schweigend rannten Grace und ich heim, begleitet von diesem grausigen Bild des Jungen in meinem Kopf.